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Buchtipp Januar 2018

Isabelle Autissier: Herz auf Eis: Roman

Hamburg : Verlag mare 2017

Herz auf EisIsabelle Autissier hat 1991 im Rahmen einer Regatta als erste Frau allein die Welt umsegelt. 1999 kenterte sie südlich von Kap Horn und überlebte nur knapp. Wohl unter dem Eindruck dieser Erfahrungen entstand ihr Roman „Herz auf Eis“, ein besonderes Beziehungsdrama vor atemberaubender Kulisse. Die Autorin lässt großartige Bilder durch poetische Landschafts- und Tierbeschreibungen entstehen. Wilde Natur prallt auf die Zivilisation des 21. Jahrhunderts und zeigt dadurch unsere Zerbrechlichkeit.

Ludovic und Louise, zwei Mittdreißiger, die sich über ihre Leidenschaft für das Bergsteigen kennen gelernt haben, führen ein schönes, geregeltes Leben in Paris. Louise und Ludovic könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie ist zurückhaltend, präzise und besonnen. Er ist risikobereit und spontan. Sie haben gut bezahlte Jobs, sie als Steuerbeamtin, er als Kommunikationswissenschaftler. Alle Voraussetzungen für ein glückliches Leben miteinander scheinen erfüllt. Ginge es nach Louise könnte alles so weiterlaufen wie bisher, doch Ludovic packt die Abenteuerlust. Ein letztes Mal möchte er aus den geordneten, vorgezeichneten Bahnen ausbrechen und eine Auszeit nehmen. Er überredet Louise, gemeinsam in einem Sabbatjahr die Welt zu umsegeln.

Sie genießen die gemeinsame Zeit wie einen langen Urlaub. Doch dann siegt wieder Ludovics Abenteuerlust und er überredet Louise zu einem Segelausflug zu einer unbewohnten Insel im Südpolarmeer. Das Betreten der Insel ist verboten, doch Louise lässt sich leicht überreden, denn sie erwartet eine herrliche Gletscherlandschaft und sie wird auch nicht enttäuscht. Doch während ihrer Tour über die Insel werden sie von einem Sturm überrascht und müssen übernachten. Am nächsten Morgen ist ihre Segeljacht verschwunden, der Sturm hat die in einer Bucht vertäute Jacht aufs offene Meer gerissen. Sie müssen sich in einer verlassenen Walfangstation einrichten. Ohne Aussicht auf baldige Rettung, ohne Vorräte und Funkgeräte verhalten sich beide zunächst besonnen und logisch handelnd. Doch aus dem Abenteuerurlaub wird ein Überlebenskampf, aus der großen Freiheit ein gnadenloses Gefängnis und aus der Unabhängigkeit Abhängigkeit von elementaren Naturgewalten. Jenseits aller Zivilisation sind sie auf sich alleine gestellt. Sie klammern sich an die Hoffnung, den Winter auf der Insel zu überleben, um im Frühjahr vielleicht von einem kreuzenden Forschungsschiff gerettet zu werden.

Detailliert werden ihre Lebensbedingungen, die Natur, das Wetter und ihr Überlebenskampf beschrieben. Sie müssen im eisigen Winter existentiell gegen Hunger und Kälte kämpfen und den Naturgewalten die Stirn bieten. Dabei versuchen sie anfangs, ihre Würde, ihre Liebe und ihre Menschlichkeit zu bewahren. Ihr Leben wandelt sich in einen Automatismus, der die täglichen Abläufe dominiert, ihre Welt schrumpft zusammen auf die Frage, wie man den nächsten Tag überlebt. Die alte Walfangstation bietet ihnen ein Dach über dem Kopf. Ihre Ernährung besteht hauptsächlich aus dem Verzehr von Robben und Pinguinen in verschiedenen Zubereitungsformen. Doch die harten Lebensbedingungen verändern ihre Beziehung. Nach einiger Zeit schaffen sie es kaum noch, sich gegenseitig zu unterstützen und trauen sich emotional nicht mehr über den Weg. Die Prioritäten des täglichen Lebens ändern sich grundlegend und damit auch die Beziehung des Paares. Sie werden immer unduldsamer und gegenseitige Schuldzuweisungen werden zum beherrschenden Thema. Körper und Psyche leiden immer mehr, das archaische Leben bei beißender Kälte und nagendem Hunger hat zersetzende Wirkung auf Leib und Seele. Jeder Hoffnungsschimmer, der verglüht, belastet ihre Beziehung weiter. Auch als Leser spürt man die Gefahr, die Bedrohung und die Hoffnungslosigkeit. Louise und Ludovic werden zu Einzelkämpfern, die nicht nur schleichend ihr Leben, sondern auch ihre Beziehung verlieren. Ihre Liebe ist auf Eis gelegt, sie kämpfen nur noch um ihr körperliches Überleben. Ein Verwilderungsprozess setzt ein, etwas zerbricht in ihnen und nach und nach legen sie ihr zivilisiertes Verhalten ab. Schließlich spitzt sich die Lage ins Unerträgliche zu und es müssen unsägliche Entscheidungen getroffen werden.

Nur einer wird am Ende überleben und sich der Frage stellen, wie man nach diesem Extremerlebnis in der zivilisierten Welt weiterleben kann.


Buchtipps der vergangenen Monate:

  • Dezember 2017: Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern
  • November 2017: Benjamin Lebert: Die Dunkelheit zwischen den Sternen
  • Oktober 2017: Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht
  • September 2017: Dirk Kurbjuweit: Die Freiheit der Emma Herwegh
  • August 2017: Francoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten
  • Juli 2017: Claudia Pineiro: Ein wenig Glück
  • Juni 2017: Petina Gappah: Die Farben des Nachtfalters
  • Mai 2017: Peter Prange: Unsere wunderbaren Jahre
  • April 2017: Renate Ahrens: Das gerettete Kind
  • März 2017: Marilynne Robinson: Gilead
  • Februar 2017: Isadora Duncan: I've only danced my life
  • Januar 2017: Sarit Yishai-Levi: Die Schönheitskönigin von Jerusalem

 

  • Dezember 2016. Brigitte Glaser: Bühlerhöhe
  • November 2016: Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte
  • Oktober 2016: Lars Mytting: Die Birken wissen`s noch
  • September 2016: Alexander Maksik: Die Gestrandete
  • August 2016: Naomi Wood: Als Hemingway mich liebte
  • Juli 2016: David Foenkinos: Charlotte
  • Juni 2016: Katharina Winkler: Blauschmuck
  • Mai 2016: Per J. Andersson: Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden
  • April 2016: Isabel Bogdan: Der Pfau
  • März 2016: Sabine Rennefanz: Die Mutter meiner Mutter
  • Februar 2016: Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe
  • Januar 2016: Claire Hajaj: Ismaels Orangen

 

  • Dezember 2015: Verena Boos: Blutorangen
  • November 2015: André Herzberg: Alle Nähe fern
  • Oktober 2015: Frances Itani: Requiem
  • September 2015: Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter Harper Lee: Wer die Nachtigall stört
  • August 2015: Catherine Chanter: Die Quelle
  • Juli 2015: Michael Köhlmeier: Zwei Herren am Strand
  • Juni 2015: Stephanie Bart: Deutscher Meister
  • Mai 2015: Donna Tartt: Der Distelfink
  • April 2015: Charles Lewinsky: Kastelau
  • März 2015: Ulla-Lena Lindberg: Eis
  • Februar 2015: Hans Meyer zu Düttingdorf: Das Bandoneon
  • Januar 2015: Anna Funder: Alles was ich bin

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