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Buchtipp September 2017

Dirk Kurbjuweit: Die Freiheit der Emma Herwegh: Roman

München: Carl Hanser Verlag 2017

Die Freiheit der Emma HerweghWer den neuen Roman des langjährigen Reporters und stellvertretenden Chefredakteurs des „Spiegel“ Dirk Kurbjuweit liest, bekommt drei Bücher in einem: eine Biographie, ein Geschichtsbuch und einen Eheroman. Kurbjuweit führt mit seinem Roman ins 19. Jahrhundert, zu den Revolutionen des Vormärz. Er erzählt das Leben der Emma Herwegh, die als Aktivistin der 1848er Revolution an der Seite ihres Mannes, des Dichters Georg Herwegh, politisch unerschrocken kämpfte, sich diesem aber persönlich unterwarf. Georg und Emma führten eine turbulente Ehe. Beider Geburtstage jährten sich in diesem Jahr zum 200. Mal.

Es wird auf drei Zeitebenen erzählt. In der Rahmenhandlung ist Emma Herwegh eine 77-jährige Witwe, die in Paris in einer ärmlichen Wohnung friert und hungert. Einer ihrer historisch verbürgten Besucher ist der junge Dramatiker Frank Wedekind, von dem sie sich finanzielle Unterstützung erhofft. Wedekind ist von Emmas Lebensgeschichte fasziniert, aber gleichzeitig schockiert über ihre Duldsamkeit.

Emma wächst unweit des Berliner Stadtschlosses als Tochter eines wohlhabenden Tuchhändlers und Hoflieferanten auf. Ihr Lebensweg scheint vorprogrammiert, sie wird standesgemäß heiraten, viele Kinder bekommen und ihr Wirken soll sich auf Haus, Küche und Familie beschränken. Doch Emma ist nicht nur klug, belesen und eigensinnig, sondern auch ihrer Zeit weit voraus. Sie ist politisch interessiert und infiziert von den revolutionären Gedanken ihrer Zeit. Sie nimmt ihr Schicksal selbst in die Hand und schreibt einen Brief an Georg Herwegh, in dessen Gedichte sie sich längst verliebt hat und lädt ihn zu sich nach Hause ein. Herwegh ist zu dieser Zeit schon eine Revolutionsikone und ein umschwärmter Dichter. Er fühlt sich geschmeichelt, nimmt die Einladung an und verbringt einige Tage in Berlin. Schnell verlieben sich die zwei und heiraten. Ihre Beziehung wird von Emmas Eltern toleriert, solange ihr Vater lebt, wird er Emma finanziell unterstützen. Emma folgt ihrem Mann nach Paris und genießt anfangs das Leben, das sie dort mit Georg und den Kindern im revolutionären Umfeld von Heinrich Heine und Karl Marx führt. Sie tritt als einzige Frau in die Freiwilligenarmee „Deutsche Demokratische Legion“ ein, die die Französische Revolution nach Deutschland ausdehnen soll.

Ein großer Teil des Rückblicks Emma Herweghs dreht sich um ihre Nebenbuhlerinnen. Immer wieder wird sie von ihrem Mann betrogen und gedemütigt. Über Jahre hinweg unterhält Georg Herwegh eine öffentliche Affäre mit der Frau seines Mitstreiters, dem russischen Philosophen Alexander Herzen und zwingt Emma in die Rolle der verständnisvollen Vermittlerin und Postbotin der Liebesbotschaften. Trotz allem hält Emma zu ihrem Mann. Ihre bedingungslose private Unterwürfigkeit steht in krassem Gegensatz zu ihrer politischen Unerschrockenheit und Emanzipation. Sie unterstützt ihren Ehemann auch noch, als seine revolutionären Pläne längst gescheitert sind und rechnet ihm hoch an, dass er ihr als Frau die Chance gab, sich an seinem Freiheitskampf zu beteiligen. Erst spät nimmt sie sich die Freiheit, sich ebenfalls einen Liebhaber zu suchen.

Man lernt Georg Herwegh als unsympathischen, egoistischen Ehemann kennen. Er hat als Vormärz-Revolutionär und Lyriker einen Platz in den Geschichtsbüchern, während seine Frau Emma weitgehend unbekannt ist. Kurbjuweit schildert Emma Herwegh als eine große Freiheitssuchende, deren Tragik darin bestand, dass sie sich zwar mutig über die Konventionen ihrer Zeit hinwegsetzte, sich aber andererseits selbst Fesseln auferlegte, indem sie die Spielregeln ihres Mannes bereitwillig übernahm.

Mit diesem Roman wurde ihr endlich ein Denkmal gesetzt.

 Buchtipps der vergangenen Monate:

  • August 2017: Francoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten
  • Juli 2017: Claudia Pineiro: Ein wenig Glück
  • Juni 2017: Petina Gappah: Die Farben des Nachtfalters
  • Mai 2017: Peter Prange: Unsere wunderbaren Jahre
  • April 2017: Renate Ahrens: Das gerettete Kind
  • März 2017: Marilynne Robinson: Gilead
  • Februar 2017: Isadora Duncan: I've only danced my life
  • Januar 2017: Sarit Yishai-Levi: Die Schönheitskönigin von Jerusalem

 

  • Dezember 2016. Brigitte Glaser: Bühlerhöhe
  • November 2016: Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte
  • Oktober 2016: Lars Mytting: Die Birken wissen`s noch
  • September 2016: Alexander Maksik: Die Gestrandete
  • August 2016: Naomi Wood: Als Hemingway mich liebte
  • Juli 2016: David Foenkinos: Charlotte
  • Juni 2016: Katharina Winkler: Blauschmuck
  • Mai 2016: Per J. Andersson: Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden
  • April 2016: Isabel Bogdan: Der Pfau
  • März 2016: Sabine Rennefanz: Die Mutter meiner Mutter
  • Februar 2016: Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe
  • Januar 2016: Claire Hajaj: Ismaels Orangen

 

  • Dezember 2015: Verena Boos: Blutorangen
  • November 2015: André Herzberg: Alle Nähe fern
  • Oktober 2015: Frances Itani: Requiem
  • September 2015: Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter Harper Lee: Wer die Nachtigall stört
  • August 2015: Catherine Chanter: Die Quelle
  • Juli 2015: Michael Köhlmeier: Zwei Herren am Strand
  • Juni 2015: Stephanie Bart: Deutscher Meister
  • Mai 2015: Donna Tartt: Der Distelfink
  • April 2015: Charles Lewinsky: Kastelau
  • März 2015: Ulla-Lena Lindberg: Eis
  • Februar 2015: Hans Meyer zu Düttingdorf: Das Bandoneon
  • Januar 2015: Anna Funder: Alles was ich bin

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