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Buchtipp April 2018

Vigdis Hjörth: Bergljots Familie: Roman

Hamburg: Osburg Verlag 2017

Buchtipp April 2018

„Wenn man nicht gewusst hätte, dass es noch zwei Kinder gab, könnte man sie für eine ganz normale Familie halten“. Dieser Satz ist gleich zweimal in diesem Roman zu lesen und zeigt den Konflikt, der sich durch das gesamte Buch zieht. Bergljots Familie scheint eine gutbürgerliche Familie zu sein, Bergljot , um die 50 Jahre alt, ist die älteste Tochter, es gibt noch den älteren Bruder Bard und die zwei jüngeren Schwestern Astrid und Asa.

Die Fassade einer heilen Familie beginnt zu bröckeln, als es um die Aufteilung des Erbes geht. Die betagten Eltern wollen ihre Ferienhäuser auf einer norwegischen Insel an die zwei jüngsten Töchter verschenken. Die älteren Geschwister sollen ausgezahlt werden. Nur wird der Wert der Ferienhäuser viel zu niedrig taxiert Der Bruder Bard, der schon immer unter der Gleichgültigkeit seines Vaters litt, fühlt sich von den zwei jüngeren Schwestern übervorteilt und sucht Unterstützung bei Bergljot. Doch diese möchte am liebsten auf Distanz bleiben. Sie ist voller Wut und Groll auf ihre Familie und hat den Kontakt auf ein Minimum reduziert. Nur ihren Kindern will sie die Verbindung zu den Großeltern nicht verwehren und erlaubt ihnen zu Weihnachten und anderen Anlässen Besuche bei den Großeltern.

Vor 23 Jahren hat sie mit ihren Eltern gebrochen, nachdem sie während einer Psychoanalyse entdeckt hat, dass sie als Kind im Alter von 5 bis 7 Jahren von ihrem Vater missbraucht wurde. Nach all den Jahren hat sie immer noch einen Funken Hoffnung, dass ihre Eltern endlich zugeben, was ihr als Kind angetan wurde. Doch den Eltern ist nichts wichtiger, als um jeden Preis den Anschein einer heilen Familie zu wahren. Als der Vater überraschend stirbt, eskaliert die Situation immer mehr. Je länger der Streit dauert, umso größere Wunden werden bei Bergljot aufgerissen und sie verspürt jetzt das dringende Bedürfnis, Klartext zu reden. Viele Jahre konnte sie ihr Leben nur mit Alkohol und Hilfe von Psychotherapeuten ertragen. Endlich reden zu können, wäre für sie ein Befreiungsschlag. Man erlebt ihre Verzweiflung, ihr Ringen um Worte und ihr ewiges Kreisen um ihre psychischen Probleme hautnah mit. Sie erwartet zumindest, dass man ihre Verletztheit anerkennt. Dabei weiß sie genau, was ihre Offenbarungen für die alte Mutter bedeuten würden. Auch ihre Schwestern müssten von dem Glauben Abschied nehmen, in einer harmonischen Familie aufgewachsen zu sein.

Als sie bei der Testamentseröffnung endlich Mut fasst und sich ihren Schmerz von der Seele redet, muss sie erleben, dass sie selbst jetzt nicht von der Familie ernst genommen wird. Lediglich ihr Bruder glaubt ihr, doch der hat sich bereits von der Familie zurückgezogen. Ihre Mutter nennt sie eine Lügnerin. Dabei kann sich Bergljot an Fragen und Gespräche mit der Mutter erinnern, die darauf schließen lassen, dass diese zumindest etwas geahnt haben muss. Die jüngeren Schwestern stellen sich auf die Seite der Eltern. Immerhin versucht Astrid den Kontakt zu Bergljot zu halten. Für diese leben die alten Demütigungen wieder auf. Erneut wird sie mit der Ungerechtigkeit konfrontiert, dass ihre Geschichte nicht zählt und sie von der Familie nicht ernst genommen wird. Im Gegenteil: sie als Opfer, wird zur Schuldigen gemacht, die den Familienfrieden stören will. Doch sie kann sich jetzt auf den Rückhalt bei ihren Kindern und bei einer Freundin stützen. Ihre Besuche bei einem Psychologen haben ihr geholfen, sich in ihrer psychischen Versehrtheit anzunehmen und auch die Verletzungen bei anderen zu erkennen. Zuletzt bleiben die Fragen: Was ist Gerechtigkeit? Was ist Genugtuung? Worin liegt der Sinn der Rache?

Die norwegische Schriftstellerin zeigt einfühlsam ein beklemmendes Familienpanorama und erzählt die Geschichte einer Tochter, die sich rüstet, aus ihrer Opferrolle auszubrechen.
„Bergljots Familie“ ist für den wichtigsten Literaturpreis Skandinaviens, den Nordic Council Literature Prize nominiert.

 

Buchtipps der vergangenen Monate:

  • März 2018: Jachina, Gusel: Suleika öffnet die Augen
  • Frebruar 2018: Ahrens, Renate: Alles, was folgte
  • Januar 2018: Isabelle Autissier: Herz auf Eis

 

  • Dezember 2017: Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern
  • November 2017: Benjamin Lebert: Die Dunkelheit zwischen den Sternen
  • Oktober 2017: Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht
  • September 2017: Dirk Kurbjuweit: Die Freiheit der Emma Herwegh
  • August 2017: Francoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten
  • Juli 2017: Claudia Pineiro: Ein wenig Glück
  • Juni 2017: Petina Gappah: Die Farben des Nachtfalters
  • Mai 2017: Peter Prange: Unsere wunderbaren Jahre
  • April 2017: Renate Ahrens: Das gerettete Kind
  • März 2017: Marilynne Robinson: Gilead
  • Februar 2017: Isadora Duncan: I've only danced my life
  • Januar 2017: Sarit Yishai-Levi: Die Schönheitskönigin von Jerusalem

 

  • Dezember 2016. Brigitte Glaser: Bühlerhöhe
  • November 2016: Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte
  • Oktober 2016: Lars Mytting: Die Birken wissen`s noch
  • September 2016: Alexander Maksik: Die Gestrandete
  • August 2016: Naomi Wood: Als Hemingway mich liebte
  • Juli 2016: David Foenkinos: Charlotte
  • Juni 2016: Katharina Winkler: Blauschmuck
  • Mai 2016: Per J. Andersson: Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden
  • April 2016: Isabel Bogdan: Der Pfau
  • März 2016: Sabine Rennefanz: Die Mutter meiner Mutter
  • Februar 2016: Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe
  • Januar 2016: Claire Hajaj: Ismaels Orangen

 

  • Dezember 2015: Verena Boos: Blutorangen
  • November 2015: André Herzberg: Alle Nähe fern
  • Oktober 2015: Frances Itani: Requiem
  • September 2015: Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter Harper Lee: Wer die Nachtigall stört
  • August 2015: Catherine Chanter: Die Quelle
  • Juli 2015: Michael Köhlmeier: Zwei Herren am Strand
  • Juni 2015: Stephanie Bart: Deutscher Meister
  • Mai 2015: Donna Tartt: Der Distelfink
  • April 2015: Charles Lewinsky: Kastelau
  • März 2015: Ulla-Lena Lindberg: Eis
  • Februar 2015: Hans Meyer zu Düttingdorf: Das Bandoneon
  • Januar 2015: Anna Funder: Alles was ich bin

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